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10. Februar 2026

Digitale Souveränität im Zeitalter von KI

Hier eine unbequeme Wahrheit: Wenn eine Schweizer Bank einen US-amerikanischen KI-Service nutzt, befinden sich die Daten in einer rechtlichen Grauzone.

Ja, Verschlüsselung und Bring-Your-Own-Key helfen dabei. Aber sie lösen die CLOUD Act-Frage nicht vollständig. US-Techkonzerne können gezwungen werden, Daten an US-Behörden auszuliefern, egal ob die Daten ausserhalb der USA liegen. Dies ist besonders heikel bei KI-Workloads, wo Daten für die Verarbeitung entschlüsselt werden müssen. Und da KI zunehmend zentral für die Geschäftstätigkeit von Banken wird, kann dies nicht ignoriert werden.

In meinem letzten Beitrag habe ich argumentiert, dass mittelgrosse Schweizer Banken Partnerschaften eingehen müssen, um Zugang zu den modernsten KI-Funktionen zu erhalten. Aber Partnerschaften bringen Kompromisse mit sich. Die wichtigsten davon verdienen mehr Aufmerksamkeit, als sie normalerweise erhalten.

Europas tiefgehende Technologieabhängigkeit

Das Bild ist klar. Eine aktuelle Studie des Europäischen Parlaments zeigt, wie abhängig europäische Unternehmen von ausländischen Anbietern geworden sind, und dies über den gesamten Tech-Stack hinweg:

  • Cloud-Infrastruktur: AWS, Microsoft Azure und Google Cloud kontrollieren etwa 70 Prozent des europäischen Marktes. Der Marktanteil europäischer Anbieter ist auf 13 Prozent gesunken, gegenüber 27 Prozent im Jahr 2017.
  • Unternehmenssoftware: Etwa 80 Prozent der europäischen Unternehmensausgaben für Software und Cloud-Services fliessen zu US-amerikanischen Anbietern. Das entspricht etwa 264 Milliarden Euro pro Jahr.
  • Produktivitätssoftware: Microsoft 365 hat etwa 90 Prozent Marktanteil bei Office-Productivity-Suites in Europa.
  • B2C: Android und iOS beherrschen praktisch 100 Prozent der mobilen Betriebssysteme. Google überschreitet 89 Prozent der Websuche. US-amerikanische Plattformen dominieren Social Media und Browser fast vollständig.

Diese Abhängigkeit besteht seit Jahren und wird immer grösser. Aber da KI zunehmend in zentrale Geschäftsprozesse integriert wird, wird die Abhängigkeit noch viel grösser.

KI macht es schlimmer

Wer das Gefühl hat, dass die Cloud-Abhängigkeit besorgniserregend ist, sollte sich die Lage bei KI-Modellen anschauen:

  • Nur 2,8 Prozent der globalen KI-Patente stammen aus der EU.
  • China macht etwa 70 Prozent der weltweiten KI-Patentanmeldungen aus.
  • Europa führt nur in einem von acht Segmenten der generativen KI-Wertschöpfungskette: Halbleiterausrüstung (dank ASML's Lithographiemaschinen).

Sämtliche KI-Modell-Leaderboards zeichnen ein ähnliches Bild: Die Top-Performer sind überwiegend amerikanisch (OpenAI, Anthropic, Google, Meta) oder chinesisch (DeepSeek, Alibaba's Qwen, Kimi). Frankreichs Mistral ist einer der wenigen europäischen Akteure, und selbst Mistral ist beim Trainieren der Modelle auf US-amerikanische Cloud-Infrastruktur angewiesen. Quelle: www.artificialanalysis.ai/leaderboards

Die Landschaft verschiebt sich

Um es klar zu sagen: Dies ist kein Argument für technologischen Isolationismus. Europäische Alternativen werden nicht über Nacht mit US-amerikanischen oder chinesischen Kapazitäten gleichziehen, und so zu tun, wäre naiv.

Allerdings sind für bestimmte Teile des Tech-Stacks heute Optionen verfügbar, und es entstehen weitere. Proton aus der Schweiz hat gezeigt, dass datenschutzorientierte europäische Alternativen weltweit konkurrenzfähig sein können. Die Schwarz Gruppe (Mutterkonzern von Lidl) investiert stark in europäisch kontrollierte Cloud-Infrastruktur via Schwarz Digits und strebt eine möglichst hohe digitale Souveränität an.

Was dies für Schweizer Banken bedeutet

Dies bringt uns zurück zur Kernfrage. Wenn eine Schweizer Bank OpenAI's API nutzt oder Daten durch Azure leitet, werden diese Daten auf US-amerikanisch kontrollierter Infrastruktur verarbeitet. Der Bericht des EU-Parlaments lässt keine Zweifel aufkommen: Viele „Sovereign Cloud"-Angebote von US-amerikanischen Hyperscalern laufen auf „Sovereign-Washing" hinaus. Die Server mögen lokal sein, aber Eigentümerschaft und rechtliche Verantwortung bleiben amerikanisch.

Mit DORA und dem FINMA-Zirkular 2023/1 verlangen europäische und schweizerische Aufsichtsbehörden von Finanzinstituten ausdrücklich, dass sie ihre Technologieabhängigkeiten bewerten. Die Fragen sind konkret: Was passiert, wenn ein kritischer Anbieter aufgrund von Sanktionen oder geopolitischen Ereignissen nicht mehr verfügbar ist? Bei welchen Prozessen kann eine Bank dieses Risiko tolerieren, und bei welchen nicht?

Banken sollten inzwischen Antworten auf diese Fragen haben. Aber basierend auf meinen eigenen Gesprächen mit Brancheninsidern glaube ich nicht, dass dieses Thema die letzten Jahre die Aufmerksamkeit auf Board-Ebene erhalten hat, die seine strategische Bedeutung rechtfertigen würde. Mit den neusten geopolitischen Entwicklungen fängt dies an zu ändern.

Ein differenzierter Ansatz ist gefordert

Leider gibt es keine einfachen Antworten. Die besten KI-Modelle sind amerikanisch oder chinesisch. Auf europäische Alternativen zu warten, bis sie aufgeholt haben, bedeutet, hinter Wettbewerbern zurückzufallen. Aber nicht jeder Use-Case benötigt die Leistung der besten Modelle. Deshalb ist der beste Weg, eine differenzierte Sichtweise für verschiedene Use-Cases zu entwickeln:

  • Für welche Prozesse ist digitale Resilienz von grösster Bedeutung? Kritische Infrastruktur könnte europäische oder lokale Lösungen rechtfertigen, selbst bei einigen Leistungseinbussen.
  • Für welche Prozesse benötigen wir zwingend die besten Modelle? Einige Use-Cases könnten bestimmte Abhängigkeiten mit entsprechender Risikominderung rechtfertigen.
  • Wie balancieren wir Kosten, Latenz und Vertraulichkeit? Kleinere, lokal gehostete Modelle können für spezifische Szenarien bevorzugt werden.

Dies sind keine reinen IT-Entscheidungen. Dies sind strategische Entscheidungen, die Klarheit darüber erfordern, welche Prozesse und Daten kritisch sind und wie KI-Strategie, Datenstrategie und Cloud-Strategie optimal zusammenspielen.

Mein Fazit

Digitale Souveränität geht nicht darum, ausländische Technologie abzulehnen. Es geht darum, bewusste Entscheidungen zu treffen, anstatt sich passiv in Abhängigkeiten treiben zu lassen.

Die Banken, die das richtig hinbekommen, werden einen echten Vorteil haben: Sie werden die Vorteile der KI nutzen und gleichzeitig die operationelle Resilienz bewahren, die Kunden von einer Schweizer Bank erwarten.

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